Der Beitrag basiert auf der Studie „In bester Verfassung – die Familienverfassung im Familienunternehmen 2026″, veröffentlicht von PwC Deutschland, der INTES Akademie für Familienunternehmen und der INTES Stiftungsprofessur für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der Digital Business University of Applied Sciences (DBU). Hier geht es zur Studie.
Wer gehört zur Familie? Wer darf mitentscheiden? Welche Werte gelten, und wie gehen die Gesellschafter mit Nachfolge, Konflikten, Vermögen und Verantwortung um? Auf diese Grundfragen jeder Unternehmerfamilie gibt die Familienverfassung eine Antwort. Die Befragung zeigt: Das Instrument hat sich etabliert, ist aber noch kein Standard.
Nur eine Minderheit hat bislang eine Familienverfassung
Obwohl eine deutliche Mehrheit der Unternehmerfamilien ein solches Regelwerk grundsätzlich für sinnvoll hält, verfügt bislang nur gut jedes dritte deutsche Familienunternehmen tatsächlich über eine Familienverfassung. Unter den 175 befragten Familienunternehmen halten 59 Prozent eine Familiencharta für sinnvoll, doch nur 36 Prozent haben sie bereits umgesetzt. Weitere 23 Prozent planen die Erarbeitung, 41 Prozent kommen bislang ganz ohne aus. Im Vergleich zu einer früheren Erhebung ist der Anteil der Unternehmen mit Familienverfassung immerhin von 25 auf 36 Prozent gestiegen.
Bedeutung wächst mit der Komplexität
Besonders verbreitet ist das Instrument in größeren, älteren Familienunternehmen mit verzweigten Gesellschafterkreisen sowie in Unternehmen mit externer Geschäftsführung oder einem Beirat beziehungsweise Aufsichtsrat. Mit wachsendem Abstand zur Gründergeneration steigt in der Regel die Zahl der Gesellschafter und dadurch entfernen sich auch einzelne Familienmitglieder stärker vom operativen Geschäft. Informelle Absprachen reichen dann nicht mehr aus.
Professionalisierung als wichtigstes Motiv
Der mit Abstand häufigste Auslöser für die Erarbeitung einer Familiencharta ist der Wunsch nach Professionalisierung der Inhaberfamilie: 70 Prozent der befragten Unternehmen nennen dieses Motiv. Es folgen Konfliktprävention mit 57 Prozent, ein bevorstehender Generationenwechsel mit 51 Prozent und ein wachsender Gesellschafterkreis mit 40 Prozent. Nur bei 11 Prozent war ein bereits bestehender Konflikt der unmittelbare Anlass.
Viele Familien beschäftigen sich aber erst dann mit Family Governance, wenn Spannungen bereits spürbar sind. Die Studie legt nahe, dass dies der ungünstigste Zeitpunkt ist: Gute Familienverfassungen entstehen vorausschauend und nicht unter dem Druck eines Streits. Professor Alexander Koeberle-Schmid, Co-Autor der Studie, und Inhaber der INTES Stiftungsprofessur für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen, bezeichnet die in der Familiencharta dokumentierte Inhaberstrategie entsprechend als den „wichtigsten Streitschlichter jeder Unternehmerfamilie“, denn sie ermöglicht es, zukunftsweisende strategische Weichenstellungen gemeinsam zu vereinbaren, ohne dass unterschiedliche Interessen in zerstörerische Konflikte münden.
Der gemeinsame Prozess zählt mehr als das Dokument
Der Wert einer Familienverfassung liegt weniger im unterzeichneten Papier als im Weg dorthin. Beim gemeinsamen Erarbeiten setzen sich die Gesellschafter mit Werten, Rollen, Verantwortung, Kontrolle, Nachfolge und Grenzen auseinander. Das ist anspruchsvoll und mitunter unbequem, macht aber sichtbar, wo tatsächlich Einigkeit herrscht und wo sie nur vermutet wurde. Entsprechend ernst nehmen die Familien diesen Prozess: 78 Prozent der Unternehmen mit Familienverfassung haben externe Berater hinzugezogen. Das spricht nicht für mangelnde Eigenständigkeit, sondern für Professionalität. Familiäre Themen werden schnell persönlich, und ein neutraler Rahmen hilft, auch schwierige Fragen offen anzusprechen.
Zusammenhalt wichtiger als wirtschaftlicher Erfolg
Von den Familien, die ein Regelwerk einführen wollen, erhoffen sich 87 Prozent einen stärkeren Zusammenhalt und eine größere Identifikation mit dem Unternehmen, 78 Prozent erwarten mehr Frieden und Stabilität. Diese Erwartungen bestätigen sich in der Praxis: 72 Prozent der Unternehmen mit bestehender Familienverfassung berichten tatsächlich von stärkerem Familienzusammenhalt, 66 Prozent von besseren Führungs- und Kontrollstrukturen und 61 Prozent von mehr Frieden und Stabilität. Einen gesteigerten wirtschaftlichen Erfolg stellen dagegen nur 29 Prozent fest – ein direkter wirtschaftlicher Effekt lässt sich aus der Studie also nicht ableiten.
Identität und Zugehörigkeit stehen im Mittelpunkt
Inhaltlich konzentrieren sich Familienverfassungen vor allem auf die Grundlagen der Inhaberrolle: 97 Prozent regeln Werte und Ziele der Familie, 94 Prozent die Zugehörigkeit zum Gesellschafterkreis, 91 Prozent Werte und Ziele für das Unternehmen und 86 Prozent die Rechte und Pflichten der Gesellschafter. Das ist folgerichtig: Bevor sinnvoll über Ausschüttung, Beirat oder Nachfolge gesprochen werden kann, muss die Familie klären, welches Selbstverständnis sie als Eigentümergemeinschaft hat. Erfolgreiche Unternehmerfamilien arbeiten also an einem gemeinsamen Selbstbild. Fehlt dieses Fundament, bleiben viele Regelungen formal korrekt, aber sozial wenig tragfähig.
Auch bestehende Verfassungen haben Lücken
Selbst Unternehmen mit Familiencharta sehen an einzelnen Stellen Anpassungsbedarf: 30 Prozent wollen ihre Regelungen zur Verteilung des Unternehmensgewinns überarbeiten, 26 Prozent jene zum Ausscheiden von Gesellschaftern. Dass eine Familienverfassung keine einmalige Festlegung ist, haben viele Familien erkannt: 83 Prozent der Unternehmen mit Familiencharta planen, sie innerhalb der nächsten fünf Jahre zu überarbeiten. Offene Baustellen sehen die Familien neben der Gewinnverwendung vor allem beim Familienvermögen, bei der Notfallnachfolge und bei der Kompetenz der Gesellschafter. Das schmälert den Nutzen der Familienverfassung nicht, denn Familien, Unternehmen und Eigentümerkreise verändern sich, und gute Governance muss mit ihnen mitwachsen. Bei Unternehmen ganz ohne Verfassung sind die Lücken größer: 53 Prozent sehen Anpassungsbedarf bei der Notfallnachfolge, und nur 7 Prozent verfügen über Konzepte, mit denen künftige Anteilseigner gezielt auf ihre Aufgaben vorbereitet werden – bei Unternehmen mit Familiencharta sind es dagegen knapp 40 Prozent.





