Warum brauchen wir eine Familienverfassung?

Was nützt ein gutes Unternehmensergebnis, wenn die Unternehmerfamilie zerstritten ist? Genau hier setzt eine Familienverfassung an. Sie hilft dabei, emotionale Konflikte zu entschärfen und gleichzeitig die unternehmerische Stabilität zu sichern.Eine Familienverfassung ist ein maßgeschneidertes Dokument, in dem die Familie ihre gemeinsamen Werte, Ziele, Strukturen und Spielregeln festhält. Sie dient als Orientierung für alle Gesellschafter und schafft Klarheit darüber, wie Entscheidungen getroffen werden und wie das Familienunternehmen langfristig geführt werden soll.

Warum Konflikte im Familienunternehmen besonders gefährlich sind

Solange der Unternehmensgründer allein das Sagen hat, funktioniert das Zusammenspiel von Familie und Unternehmen häufig reibungslos. Spätestens mit dem Eintritt der zweiten oder dritten Generation verändern sich jedoch die Dynamiken.

Unterschiedliche Vorstellungen über Strategie, Rollen oder Nachfolge sind normal. Werden sie jedoch nicht offen angesprochen und strukturiert geregelt, können sie das Unternehmen in seiner Existenz gefährden.

Besonders kritisch wird es, wenn:

  • mehrere Generationen gleichzeitig beteiligt sind,
  • die Anzahl der Gesellschafter stetig wächst,
  • familiäre Beziehungen und unternehmerische Entscheidungen vermischt werden.

Ein Unternehmen kann sich keinen dauerhaften „Zweifrontenkrieg“ leisten – weder im Markt noch innerhalb der Gesellschafterfamilie.

Streitkultur oder Zerstrittenheit?

Konflikte gehören auch in Unternehmerfamilien dazu. Entscheidend ist jedoch, wie mit ihnen umgegangen wird.

Eine Familienverfassung schafft einen verbindlichen Rahmen für den Umgang miteinander. Sie legt fest, wie Diskussionen geführt, Entscheidungen getroffen und Konflikte gelöst werden. Frühzeitig entwickelt, wirkt sie vorbeugend und schafft Sicherheit für Familie und Unternehmen.

Obwohl sie in der Regel keine rechtliche Bindung hat, entfaltet sie durch ihre gemeinsame Erarbeitung eine starke moralische Wirkung. Oft mündet sie später in konkrete Verträge, Beschlüsse oder Governance-Strukturen.

Typische Fragen, die eine Familienverfassung beantwortet

  • Wer hat welche Kontroll- und Mitspracherechte?
  • Wann und unter welchen Voraussetzungen ist der Eintritt in die Geschäftsführung möglich?
  • Wie wird geerbt, und wie wird Vermögen gesichert?
  • Wie gehen wir mit unterschiedlichen Meinungen in der Familie um?

Der beste Weg, Konflikte zu vermeiden, ist, sie frühzeitig offen zu adressieren. Mit wachsender Familiengröße wird dies jedoch schwieriger. Deshalb braucht es feste Strukturen für Austausch und Entscheidungsfindung.

Institutionalisierter Austausch statt persönlicher Machtkämpfe

Eine Familienverfassung kann beispielsweise regelmäßige Familientage oder formalisierte Austauschformate vorsehen. Diese schaffen Raum, um Erwartungen zu klären, Spannungen zu thematisieren und Lösungen zu entwickeln.

Neu ist dabei weniger das Prinzip an sich – schon historische Unternehmer- und Adelshäuser hatten solche Regelwerke. Neu ist vielmehr, dass moderne Familienverfassungen im Konsens entstehen und häufig von einem externen Berater begleitet werden, der als Moderator, Mediator und Coach fungiert.

Familienrat und Familienmanager als Teil der Family Governance

Ein gemeinsames Wertegerüst stärkt den Zusammenhalt und unterstützt die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens. Gerade bei größeren Unternehmerfamilien kann es sinnvoll sein, ergänzend zur Familienverfassung weitere Family-Governance-Strukturen zu etablieren.

Typische Rollen sind:

  • ein Familienrat, besetzt mit Familienmitgliedern mit hoher Bindungswirkung,
  • oder ein Familienmanager, der operative Family-Governance-Aufgaben übernimmt.

Zu den Aufgaben zählen unter anderem:

  • Organisation von Familienveranstaltungen,
  • Betrieb eines Familienintranets,
  • Weiterbildungsangebote für Gesellschafter,
  • erste Anlaufstelle bei Konflikten.

Wie entsteht eine Familienverfassung?

Eine Familienverfassung wird in der Regel gemeinsam von Gesellschaftern und Familienmitgliedern erarbeitet. Der Prozess beginnt mit einer Bestandsaufnahme der aktuellen Situation von Familie und Unternehmen.

Darauf aufbauend werden in moderierten Workshops unter anderem folgende Themen verbindlich geregelt:

  • Vision und Werte der Unternehmerfamilie,
  • Strategische Ziele,
  • Governance-Strukturen für Familie und Unternehmen,
  • Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsprozesse.

Das Ergebnis ist ein gemeinsames Verständnis darüber, wohin sich das Familienunternehmen entwickeln soll, wie dieser Weg gestaltet wird und wer welche Verantwortung trägt. Gleichzeitig werden emotionale Bindung, ökonomischer Wert und langfristige Stabilität gestärkt.

Fazit

Eine Familienverfassung ist kein Zeichen von Misstrauen, sondern von Weitsicht. Sie hilft Unternehmerfamilien, Konflikten vorzubeugen, Klarheit zu schaffen und das Unternehmen generationenübergreifend erfolgreich zu führen.

Familienverfassung professionell entwickeln

Jede Unternehmerfamilie ist einzigartig. Gerne unterstütze ich Sie dabei, eine Familienverfassung zu entwickeln, die zu Ihrer familiären Struktur, Ihren Werten und den strategischen Zielen Ihres Unternehmens passt.

Gespräch zur Familienverfassung vereinbaren

Quelle:
Auf ewig verbunden – (Regulierte) Emotionen im Familienunternehmen
Exkurs zur Studie „Firma, Familie, Führung: Leadership im Spannungsfeld von Gefühl und Geschäft“
KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
Dr. Alexander Koeberle-Schmid, Dr. Ursula Koners, Isabella Ledl

Autor

Prof. Dr. Alexander
Koeberle -Schmid​

Noch mehr Wissen